Damit du dir vorstellen kannst, wie ein Prozess bei einem Trauer-Workshop mit Erinnerungsspaziergang ablaufen kann, möchte ich dir dies anhand Susannes Beispiel näher beschreiben.

 

 

*Was sich Susanne vom Kurs erhoffte

 

Susanne (58) hatte vor 4 Jahren ihre Tochter verloren. Sie nahm am Kurs teil, um ein persönliches Erinnerungskissen zu gestalten, das ihr Trost gibt.  

Dazu erhoffte sie durch den Schaffensprozess mit ihrer Tochter in einen gedanklichen Austausch zu kommen. Seit dem Tod gab es für Susanne einige Fragen, die ihr auf dem Herzen lagen und die sie gerne für sich klären wollte. Ihr Wunsch war es, hierüber Trost und Ruhe zu finden.

Susanne liebte es, in der Natur unterwegs zu sein, weil sie daraus Kraft schöpfte. Die Trauer-Workshop mit Erinnerungsspaziergang sprach sie daher an. 

 

 

1. Teil: Der Erinnerungs-Spaziergang

 

Die Gruppe machte an der Sorgen-Bank halt. Hier durften die Teilnehmerinnen (Männer nahmen am Kurs nicht teil) sinnbildlich alle Sorgen und belastenden Gedanken hinlegen oder hängen, damit sie sich mit allen Sinnen und Gedanken dem Spaziergang öffnen können. Nach Abschluss des Spazierganges konnten die Dinge wieder mitgenommen werden.

Nicole stimmte die Teilnehmerinnen mit einer kleinen Meditation ein. Dabei ging es darum, in seinen Körper hinein zu spüren und sich gedanklich mit dem Weg zu verbinden. Dazu vermittelte Nicole, dass alle Dinge, die sie auf diesem Weg finden werden, eine Botschaft für sie bereit hält. Vielleicht sind es bestimmte Gegenstände, die einen besonders ansprechen. Oder es tauchen Symbole, Worte oder Sinnsprüche auf, die einen in den Sinn kommen.

Um alle Funde einsammeln zu können, gab es verschiedene Möglichkeiten wie z. B. einen Beutel, um Gegenstände darin verstauen zu können. Dazu fand sich im kursbegleitenden Workbook genügend Platz für Notizen oder Zeichnungen.

 

 

*Schweigen und lauschen

 

Der Spaziergang verlief schweigend, damit sich jede Kursteilnehmerin auf sich konzentrieren und ihren inneren Stimmen lauschen konnte. Die Gruppe ging in einem langsamen Tempo, es stand dabei weniger die zurückgelegte Strecke im Mittelpunkt, viel wichtiger war der Prozess, der sich auf dem Weg zeigte.

Susannes Funde waren ein Stein und ein Schneckenhaus, daneben fand sie einige andere kleinere Gegenstände. Dazu kam ihr der Satz: „Ich gebe dir meinen Segen“ in den Sinn.

Nach etwa einer Stunde gelangte die Gruppe an den Ausgangspunkt, an den sich eine kurze Fragerunde anschloss. Danach ging es zum zweiten Teil des Kurses zur Gestaltung des Kissens.

 

 

 

2. Teil: Die Gestaltung des Kissens

 

Der 2. Teil des Nähkurses fand in gemütlicher Atmosphäre mit leiser Hintergrundmusik statt. So war es einfach, sich dem weiteren Prozess zu öffnen. 

Im nächsten Schritt ging es darum, alle Gedanken und Funde zusammenzubringen und in einen Kontext einzusortieren. Mithilfe des Workbooks konnten die Teilnehmerinnen sich an den Fragen orientieren, über die sich die Vorstellung, wie das Kissen aussehen könnte, immer klarer wurde.

 

 

*Die Symbole entschlüsseln

 

 

Während des Schaffensprozesses konnte Susanne die Symbolik des Steins entschlüsseln. Der Stein stand für sie für „Bewahrung und Wandel“. Im Laufe seines Lebens wird der Stein seine Gestalt immer wieder verändern und seine Form verwandeln. In der Gegenwart IST er jetzt einfach DA, so wie er ist.

Hier spannte sie den Bogen zu ihrer Geschichte. Auch sie verwandelte ihre Gestalt und sie war nicht mehr die Person, die sie einmal war, weil die Erlebnisse sie prägten. Dennoch lag die Gegenwart in Susannes Hand, von der aus sie ihre Zukunft gestalten konnte. Im Verwandlungsprozess ging es darum, das alte Leben ein Stück loszulassen, einen Teil mitzunehmen und in das neue zu integrieren. So kann daraus etwas Neues entstehen. Der Stein erinnerte Susanne zukünftig an diesen Verwandlungsprozess.

Das Schneckenhaus symbolisierte für Susanne Schutz. Sie gab sich jetzt die Erlaubnis, sich schützen zu dürfen – wann immer sie das Bedürfnis dazu hatte. Susanne stellte sich ihr schützendes Haus als Lichthülle vor, in die sie eingehüllt ist. 

 

 

*Bedeutung des Sinnspruchs

 

„Ich gebe dir meinen Segen“. Dieser Sinnspruch kam Susanne. Im Prozess zeigte sich, dass die Tochter ihrer Mutter ihren Segen für ihren weiteren Weg mitgeben wollte. „Geh in dein Leben und tue es auch für mich mit und lass mich dich auf deinem Weg begleiten!“, ergänzte Nicole. „Wenn ich sehe, dass du Freude und Spaß am Leben hast, dann freue ich mich mit dir! So sind wir von Herz zu Herz verbunden.“

Susanne war sehr berührt von diesen Gedanken und sie spürte, dass sich in diesem Moment etwas löste und ihre Sicht veränderte. Der Gedanke, ihrer Tochter  einen Platz in ihrem Leben geben zu können, tröstete Susanne. Sie fühlte sich jetzt gestärkt, ihren Blick nach vorne zu richten und in ihr Leben zu gehen. 


 


 

*Aus den Funden entstand das Kissen

 

 

Susanne ließ ihre Funde in die Gestaltung ihres Erinnerungskissens einfließen. Für das Kissen wählte sie die Farbe Rot, weil diese für Susanne für Liebe steht. Dazu nähte sie auf die Vorder-und Rückseite des Kissens jeweils ein Herz. Sie wollte damit ausrücken, dass die Verbindung zu ihrer Tochter von jetzt ab von Herz zu Herz fließen durfte. Susanne fügte eine Lasche hinzu, in die sie ihre gesammelten Gegenstände aufbewahrte. Zum Schluss ließ Nicole ihre Stickmaschine arbeiten und fügte den Sinnspruch „Du hast meinen Segen“ auf das Kissen. 

 

 

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